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Studie: Gendern

Bis vor wenigen Monaten gab der Duden an, dass dieses Wort in der deutschen Sprache nicht sehr häufig benutzt wird. Mittlerweile ist das anders, denn Gendern ist Teil einer gesellschaftlichen Diskussion geworden. Gendern bewegt und polarisiert und gendern befeuert auch den Dialog zu wichtigen Themen der Gleichstellungsdebatte. In welcher Form es in Firmen den Sprachgebrauch ändern wird, das haben wir CEOs bzw. Geschäftsführer und Geschäftsführerinnen gefragt.


Quelle: www.unwomen.org


Dies sind die Erkenntnisse

  • Die Firmenchefs und -chefinnen sehen die Notwendigkeit, vermehrt eine genderneutrale Sprache zu verwenden. Sie anerkennen auch, dass es ein aktiver Beitrag im Rahmen der Gleichstellung der Geschlechter ist.

  • Zwei Gründe haben für sie die höchste Relevanz. Zum einen hat sich der Sprachgebrauch bereits weiterentwickelt, es wird also schon gegendert, deshalb sollte die Verwendung im Unternehmen geregelt werden, damit klare Rahmenbedingungen gelten. Zudem finden sie, dass Gendern das Image des eigenen Unternehmens als Firma und Arbeitgeber positiv beeinflusst.

  • Kritisch sehen die Befragten am Gendern vor allem, dass es ein sehr formalistischer Ansatz ist und dass für die Gleichstellung andere, weitreichendere Massnahmen wichtiger sind. Zudem wird bemängelt, dass Gendern den Lesefluss von Texten verschlechtert.

  • Drei von vier Firmen haben sich bereits mit diesem Thema befasst oder befassen sich aktuell damit, in einem Viertel ist dies nicht der Fall.

  • Am häufigsten fällt Gendern als Thema in den Verantwortungsbereich von Verwaltungsrat oder Geschäftsleitung, gefolgt vom Bereich Marketing bzw. Kommunikation.

  • In jeder dritten Firma der Befragten gibt es bereits Entscheidungen zum genderneutralen Sprachgebrauch. Dabei fällt auf, dass die meisten dieser Firmen teilweise gendern, aber nicht umfassend.

  • Um die eigenen Rahmenbedingungen zu definieren, gibt es in den Firmen eine Vielzahl an Vorgehensweisen. Diskutieren im Team und mit Protagonisten, Regelungen des Bundes nutzen, Newsletter und Veröffentlichungen aufgreifen, Konzernvorgaben umsetzen und die Mitarbeiter befragen. Positiv fällt auf, dass die Geschäftsleitungen häufig bestrebt sind, die eigene Belegschaft zu diesem Thema zu hören bzw. einzubinden.

  • Das Verwenden von Genderzeichen findet deutlich weniger Zustimmung als das Feminisieren (liebe Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen) bzw. das Neutralisieren (liebe Mitarbeitenden). Das Sprechen von Wörtern mit Genderpause («liebe Mitarbeiter  innen») findet kaum Zustimmung.

  • Zwei Drittel der CEOs befürworten, dass es klare Regeln zur Verwendung im eigenen Unternehmen geben soll. Eine ähnlich grosse Mehrheit sieht jedoch keine Notwendigkeit für eine umfassendere Sprachenreform im deutschsprachigen Raum.


Die Fakten zur Befragung

Die Ergebnisse der Befragung

Erklärung zur Bewertungsskala / Lesebeispiel

Zur Beantwortung der Fragen haben wir den Grad der Zustimmung von 1 – 4, von «stimme gar nicht zu» bis hin zu «stimme voll und ganz zu», bewerten lassen.

Die Verteilung der Zustimmung in Prozent ist in den Grafiken ersichtlich. Ebenso ist der Durchschnittswert aller Antworten als Mittelwert angegeben.

Zusätzlich haben die Befragten die Fragen in Kapitel 1 und 2 in Bezug auf die Relevanz mit der gleichen Skala von 1 – 4, von «gar nicht relevant» bis hin zu «sehr hohe Relevanz», bewertet.

Die Relevanz ist in den Grafiken als Durchschnittswert angegeben.

Die Anzahl der Befragten ist jeweils mit «n» pro Frage angegeben.


Die Zitate der Befragten

Zustimmende Zitate

«Gleichberechtigung ist ein wichtiges und notwendiges Thema - und für mich auch ohne die Genderdiskussion eine Selbstverständlichkeit. Es ist wie im Strassenverkehr: Neue Regeln müssen nur eingeführt werden, weil sich ein paar wenige nicht an die selbstverständlichen Dinge halten. Genderrichtlinien können helfen zu sensibilisieren, lösen aber das Problem nicht. Letztlich ist es eine Frage der Erziehung, des Respekts gegenüber anderen Menschen und der eigenen Haltung.»

«In den Geschäftsbeziehungen, respektive in der Kommunikation nach innen und aussen, leider immer noch ein polarisierendes Thema. Breite Spannweite bei Unternehmungen sichtbar von fehlender Nutzung - bis zur Übernutzung. Leider ist noch keine Normalisierung eingetreten, die einen gewöhnlichen genderneutralen Gebrauch in der mündlichen und schriftlichen Sprache ermöglicht. Dies wäre aber sehr hilfreich. Wir verwenden in der schriftlichen Kommunikation oft die neutrale Form (z.B. Mitarbeitenden). Hilft dem Lesefluss, wirkt jedoch eher unpersönlich. Um mehr persönlich, direkt anzusprechen, verwenden wir in diesen Fällen beide Formen, stets die weibliche zuerst (z.B. liebe Mitarbeiterinnen, liebe Mitarbeiter).»

«Wir sind ein Betrieb mit 200 Mitarbeitenden und davon 90% Frauenanteil. Uns ist das Thema sehr wichtig und omnipräsent. Wir wollen in jeder Hinsicht Gleichberechtigung und somit auch eine Wertschätzung unabhängig der Geschlechter erreichen, wie auch eine Lohngleichheit.»

Ablehnende Zitate

«Ich wundere mich, warum dieses Thema derzeit so viel Aufmerksamkeit erzielt. Im Austausch mit meinem Umfeld ist niemand dafür, niemand erkennt die Not für die Diskussion. Gleichberechtigung ist wichtig, drückt sich aber durch zahlreiche andere Massnahmen aus.»

«Das Thema wird für mich überbewertet. Die Verwendung von Sonderzeichen stört aus meiner Sicht den Redefluss.»

Spezifische Zitate

«Mich erstaunt die aktuelle Diskussion. Als Soziologin habe ich aktiv Genderstudiengänge besucht. Mit meiner Leitungserfahrung der letzten 25 Jahre hat sich mein Blickwinkel verändert. Unsere Sprache gibt uns die Möglichkeit weiblich und männlich auszudrücken und beide Geschlechter anzusprechen und zu benennen. Geschlechter zu neutralisieren, stimme ich nicht zu. Sollten wir eine diverse Mitarbeiterin beschäftigen, werden wir auch dafür eine Sprachregelung finden. Wertschätzung, Respekt und Achtung drückt sich sicherlich in Sprache aus, ist allerdings auch in der Verteilung des Einkommens, der Chancengleichheit am Arbeitsplatz und in der Familie, speziell der Aufgabenverteilung, zu erkennen. Hier würde ich ansetzen. Durch die sprachliche Thematisierung scheint mir, werden genau diese Zusammenhänge erneut und perfide verschleiert.»

«Wenn der Mindset nicht stimmt, helfen alle Doppelpunkte und Sternchen nichts. Ich kann nachvollziehen, dass durch Diskussion und Aufmerksamkeit Veränderungen im Denken angestossen werden können. Muss dafür die gesamte Sprachform/Schriftform überarbeitet werden. Ich würde eher bei der Erziehung beginnend an den Grundfesten des Verhaltens und der Gesellschaft (Rollenbild Mann/Frau) arbeiten statt an der Schrift und an der Grammatik.»

«Echte, differenzierte Wertschätzung ist nicht vom Gendern abhängig»

Klicken Sie hier, um unsere Rahmenbedingungen zum Gendern im Sprachgebrauch zu lesen


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