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Sampling oder Selling

Warum sehen viele Kaufhäuser im Erdgeschoss so gleich aus? Ist das die Antwort auf den zunehmenden Online-Handel?


Ob im Globus, bei Jelmoli, im Kaufhof oder bei Manor: Wenn ich eins dieser Kaufhäuser besuche, dann sehr selten wegen der Produkte, die mir dort als erste begegnen. Denn kaum setze ich einen Fuss hinein, laufe ich in diese dicht gemischte Wolke aus viel zu süssen Düften, die ich lieber wegschieben als einatmen möchte. Wenn ich mich dann umsehe, sehe ich eine Szenerie, die einer mittelmässigen Messe ähnelt: jede Menge kleine, leuchtende Kosmetikstände, ausgestattet mit glänzenden Produkten und funkelnden Damen, ganz selten mal ein Mann. All diese sehr gepflegten Damen prüfen die Passanten stets, ob diese wohl zur Zielgruppe ihrer Crèmes und Puder gehören. Wenn ja, dann geht es los, das sogenannte Sampling. Produktproben werden gezeigt und zur sofortigen Anwendung angeboten.

Noch was fällt mir auf, wenn ich mit meiner Frau bummle, eigentlich in die Lebensmittelabteilung möchte, dann aber mit ihr angesprochen werde: Das Sampling wird selten zum Selling. Viel zu schnell wird ein Puder angeboten, ohne echtes Interesse geweckt zu haben. Viel zu schnell stehen Cremes und Stifte im Mittelpunkt, statt die Bedürfnisse. Der Austausch bleibt oberflächlich. Die Frage «Möchten Sie es ausprobieren?» kommt fast immer zu früh, denn vorher gilt es, Interesse an der Zielperson zu zeigen: «Reisen Sie viel? Welche Crèmes nehmen Sie jeweils mit?»

Okay, werden die Leserinnen unter Ihnen jetzt denken, der hat doch keine Ahnung. Genau das wollen wir Frauen doch. Dann denke ich: Okay, viel Spass dabei! Auf mich wirkt das nicht wie ein Vergnügen und diese – höchstwahrscheinlich - vermieteten Marktstände sind für mich weder als erster Eindruck im Kaufhaus noch als Antwort auf den Online-Handel passend. Das Geld ist den Kaufhäusern hierzulande noch nicht ausgegangen – der Mut hingegen schon.

Sonnige Grüsse

 

Jörg Neumann

joerg@nzp.ch


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