poligons1

Achtminuten-siebzehnsekunden

Als ich vor der Stadtverwaltung aus dem Auto steige, um gleich einen neuen Pass zu beantragen, bin ich irgendwie skeptisch. Und irgendwie ahne ich nichts Gutes …


Vor meinem geistigen Auge sehe ich einen lieblosen Warteraum und vor allem ein volles Wartezimmer, in dem die Luft zu stehen scheint. Meine Gedanken wollen einfach nicht positiver werden, ich gehe ins Gebäude, sehe mich um und, aha: Ich muss ins Dachgeschoss.

Vor mir auf der Treppe ist ein Herr, der gerade ein SMS erhält. Er hält inne und schon bin ich an ihm vorbei. Einer weniger, der meine Wartezeit verlängert. Weil die Lift-Tür just aufgeht, als ich vorbei gehe, nehme ich diesen doch noch. Nach mir steigen zwei fremdländische Damen ein und ich ertappe mich dabei, wie ich Strategien entwickle, um mich auch an ihnen vorbei zu drängeln. Das stellt sich allerdings als gar nicht so einfach heraus und siehe da, nochmals Glück gehabt: Sie biegen in Richtung Sozialamt ab.

Was dann kommt, ist einfach nur noch gut. Freundliche Begrüssung, zügige Bearbeitung, Fingerabdrücke nehmen, Unterschrift, die Zahlkarte am Automaten gleich verarbeiten und schon ist das ganze Prozedere vorüber. Kaum drin, bin ich schon wieder draussen und weil ich genau mit dem Beginn der 9-Uhr-Nachrichten aus dem Auto stieg, kann ich ganz genau sagen, wie schnell dieser Fall über die Bühne ging. Nach acht Minuten und siebzehn Sekunden fahre ich wieder los – was will man mehr.

Sollte irgendjemand noch das Vorurteil in sich tragen, dass in Beamtenstuben keine Spitzenleistungen möglich sind, dann weiss ich es jetzt besser. Ich kenne viele Firmen, die sich hier eine Scheibe abschneiden könnten – und zwar eine dicke Scheibe.

Begeisterter Gruss!

 

Jörg Neumann

joerg@nzp.ch


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